Wer sich mit der Vergangenheit des Dorfes Edesheim beschäftigt, stellt fest, dass die Quellen nicht allzu reichlich fließen und weit verstreut sind.
Sie zu sammeln war das Lebenswerk des verstorbenen Speyerer Oberstudiendirektors Peter Braun, eines Edesheimers, den seine Heimatgemeinde durch die Benennung einer neuen Straße geehrt hat. Er war ein Humanist und Historiker von großer Genauigkeit. So waren ihm immer neue Quellenfunde nie genug und sein gesegnetes Alter reichte nicht mehr zur zusammenfassenden Darstellung der Dorfgeschichte aus. Seine Vorarbeiten füllen Bände, die im Archiv zu Speyer auf einen sachverständigen und zugleich liebevollen Bearbeiter warten. Ob sich ein Edesheimer findet?
Immerhin hat Peter Braun in der „Festschrift 1200 Jahrfeier Edesheim" 1956 in zwei Aufsätzen „Aus der Geschichte des Dorfes Edesheim" und „Der Edesheimer Jahrmarkt in der Vergangenheit" die wichtigsten Daten herausgestellt. Später fand er im Bayrischen Staatsarchiv in München eine Urkunde des Klosters Weißenburg i. E. von 1451, die aus Anlass der Bestellung des Ritters Siegfried von Venningen zum Amtmann eine Beschreibung des Schlosses gibt, die es erlaubt, noch heute bestehende Gebäudeteile soweit zurück zu datieren.
Peter Braun folgend, wollen wir in Kürze die Geschichte Edesheim an uns vorüberziehen lassen.
Funde aus der Römerzeit lassen einen Wachposten zum Schutz einer Wegekreuzung vermuten. Die Nord-Südverbindung lief durch Edesheim am Rande des Waldes (der sich bis in die Gewannen „Forst" erstreckte, die Ortsnamen „Hainfeld" = Feld am Wald und „Rhodt" = auf dem gerodeten Wald), weil hier die Überbrückung des Modenbachs möglich war: westlich waren Wiesen, östlich bis nach Fischlingen und Freimersheim ein Bruch. Der Weg von Speyer nach Westen folgte dem Modenbach und führte an der Meistersel vorbei ins Ramberger Tal (Waltharistraße). Im Mittelalter ritten die Äbte von Weißenburg auf diesem Wege nach Speyer.
Urkundlich ist Edesheim als Autinisheim 756 erwähnt, wobei das heutige Ötisheim im badischen Kraichgau ebenso heißt. Doch steht fest, dass das in einer Schenkungsurkunde von 788 erwähnte „Autinisheim" im Speyergau Edesheim ist. Das Kloster Weißenburg erhält Wohngebäude, Wirtschaftshof mit Vieh, Gold, Silber, Gewandung und Leibeigenen: wohl den Vorläufer des heutigen Schlosses. Den Herrenhof besitzt das Kloster noch nach einer Bestandsaufnahme von 1300, nachdem eine päpstliche Bulle von 1179 dem Kloster den Besitz zweier Kirchen und eines Herrenhofes mit allem Zubehör in Otenshem bestätigt hatte. Bis 1371 hatten die Herren von Ochsenstein (auf Meistersel) das Dorf vom Kloster zu Lehen, dann verkauften sie dieses dem Kloster zurück.
Von nun an werden Dorf und Schloss von Amtleuten verwaltet, zunächst solchen des Klosters Weißenburg, ab 1467 des Domkapitels, seit 1487 des Bischofs von Speyer. Seither sitzt eine lange Reihe von ihnen, gute und schlechte, im Edesheimer Schloss und verwaltet das Dorf, das halbe Hainfeld und Roschbach für den Bischof, der zugleich Guts- und Landesherr ist, bis Eroberung durch die Heere der französischen Revolution den letzten bischöflichen „Amtskeller" Freyberg vertreibt.
Schon vorher hatte Edesheim infolge seiner bevorzugten Verkehrslage viel zu leiden. 1525 wurde das Schloss - nicht ohne Beteiligung der Dorfgenossen - zwar nicht zerstört ( der Sage nach wegen der beträchtlichen Weinvorräte ), aber doch so übel zugerichtet, dass der Bischof es erst 1594 herrichten konnte. Nach dem 30jährigen Krieg war Edesheim so verarmt, dass man keinen Bissen Brot kaufen konnte. Dem Schloss fehlte das Dach und alles Holzwerk wie Treppen, Läden usw. - die Soldateska hatte es üblicherweise verheizt. Der Bischof musste einen Pächter (!) für das Schloss und Amt suchen, dem man die Bewirtschaftung überließ, um wenigstens weiterem Verfall entgegen zu steuern.
Bei dem Leiden, Einquartierung, Requisitionen usw., die die Bürger immer wieder zwangen, ihr wertvolles Eigentum zu „peltern" (Peter Braun konnte den unverständlichen Ausdruck erklären: in den - geheimen - Behälter bringen, d. h. also sicher verstecken!), blieb Edesheim von der Verbrennung der Pfalz durch Melac verschont, denn es gehörte zu den umliegenden Dörfern, die die Versorgung der Festung Landau zu sichern hatten. Melac selbst erscheint am 9. Januar 1696 als Pate im Edesheimer Kirchenbuch.
Noch ein weiterer Name von welt-, vor allem geistesgeschichtlicher Bedeutung und bis in unsere Zeit reichender Nachwirkung ist eng mit Edesheim verbunden. Paul Tyrry (Thiery) Baron von Holbach ist 1723 in Edesheim geboren. Er wurde in Paris ein berühmter Philosoph, einer der Enzyklopädisten, und mit seinem „System der Natur" der erste konsequenten Materialist. Seine Werke wurden sofort indiziert. Persönlich führte der Philosoph wie so viele der Vorkämpfer der Gleichheit aller Menschen in ihrer in Standesvorurteilen lebenden Zeit das Leben eines großen Herren. Sein Onkel - er war in Paris dae ancien regime als Bankier zu Reichtum gekommen - hat vor 1735 in Edesheim das nach heute „Schloss Kupperwolf" genannte herrschaftliche Landhaus im Mansardenstil in Edesheim erbaut, das durch seine Gartenanlagen bekannt war (und damit Anlass zu den umfangreichen Schlossgärten, mit denen Amtmann Keller bei der Umwandlung des Schlosses aus einer mittelalterlichen Wasserburg in ein Schlossgut des 19. Jahrhunderts seinen Besitz versah, vielleicht auch angeregt durch die zwei ältesten deutschen Robinien (Robinia pesudoakazia), die das Südtor des Gutes zierten.
1078 Gulden Kontribution musste Edesheim 1793 für die Exekutionskommandos aufbringen, die die Eidesleistung der Bevölkerung auf die französische Republik erzwangen (Kirrweiler 500, Maikammer 275). Dann wurde das Dorf wie die ganze Pfalz durch eine französische „Ausleerungskommission" in seiner beweglichen Habe erleichtert. Im Mai des folgenden Jahres kam es auf dem Leiselfeld zwischen Edesheim und Edenkoben zu einem Gefecht, in dem der preußische Reiteroberst Blücher, der spätere „Marschall Vorwärts" der Befreiungskriege, die französischen Truppen zum Rückzug auf Landau zwang. Im Juli erzwang er auch die Räumung des Edesheimer Oberdorfs, vor der jedoch die Franzosen zur Feier des Revolutionstags das ganze Dorf in Brand steckten. Die bäuerlichen Fachwerkbauten brannten nieder, die wenigen Steingebäude: beide Schlösser, die Kirche, das Spital in der Hochgasse, die Provis brannten weitgehend aus. Ganz verschont blieb nur der von Groppersche Gutshof, damals Gefechtsstand des französischen Divsionärs St. Cyr.
So wurde der Edesheimer Bub (Paul von Holbach) mitschuldig an der Vernichtung seines „Heimatdorfes", wie Rektor Peter Bayer nach dem Manuskript von Karl Heinz in der Sendung des Heimatfunks zur 1200-Jahrfeier feststellte.
Wenn infolge dieser Katastrophe das Dorf Edesheim nicht mehr viele bauliche Zeugen seiner Vergangenheit aufweist - ganz im Gegensatz zu vielen seiner nicht am Verkehrs- und Kriegsweg gelegenen Nachbardörfern - so hat es deswegen keine geringere Geschichte.
Ist sie nicht bis in die jüngste Zeit hinein die Geschichte der weingesegneten Pfalz? Eine Geschichte immer neuen Aufbaus.
Dies ist ein Auszug aus der 100jährigen Festschrift des MGV Concordia, Verfasser: Dr. H.B.